Die bewegte Geschichte des „Sanatorium am Hausstein“

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 Historische Zeichnung des „Sanatorium am Hausstein“

 

100 Jahre Heilen am Hausstein
von Andreas Schröck, Heimatforscher

Im Jahr 1882 gelang Robert Koch ein Durchbruch: Er entdeckte den Tuberkulose-Bazillus. Endlich war es möglich, diese gefährliche Lungenkrankheit zu bekämpfen. Zuvor, im Lauf des 19. Jahrhunderts, hatte sich das im Volksmund Schwindsucht genannte Leiden zur einer regelrechten Volkskrankheit ausgebreitet.

Kochs Durchbruch veränderte das Gesundheitssystem. Überall in Deutschland entstanden nun Volksheilstätten. Doch dort nahm man nur Pflichtversicherte auf – damals war dies ein kleiner Teil der Bevölkerung, meist aus der Arbeiterschicht. Für den klassenbewussten Mittelstand musste eine eigene Lösung gefunden werden. Auf eine solche Initiative geht der Bau des Lungensanatoriums Hausstein zurück. Dass die Klinik gebaut werden konnte, ist der Verdienst eines engagierten Mannes und eines erfolgreichen Vereins.

Bevor Dr. Adolf Hohe im Gründungsjahr 1908 erster Chefarzt der Klinik wurde, leistete der Spezialist mehr als zehn Jahre Vorarbeit. Seine 1896 eingereichte Dissertation trug den Titel „Eine Studie über Tuberkulose“. 1897 bereiste er ganz Deutschland und besuchte einen Großteil der bestehenden Lungensanatorien. Seine Eindrücke veröffentlichte er im gleichen Jahr in einem Buch: „Die Bekämpfung und Heilung der Lungenschwindsucht und Deutschlands geschlossene Heilstätten für Lungenkranke“. Während seiner Besichtigungsreise reiften in ihm erste Ideen für sein Projekt. Am 14. Februar 1898 rief Adolf Hohe in München einen Verein ins Leben, den „Verein zur Gründung eines Sanatoriums für Lungenkranke in Bayern“. Einige Eckpunkte standen von Anfang an fest: Lungenkranken aus dem Mittelstand sollte unentgeltlich oder zu geringen Sätzen die Aufnahme in einem Sanatorium ermöglicht werden. Und der Bayer. Wald galt als idealer Standort mit den großen Nadelholzbeständen, dem guten Quellwasser und vor allem der gesunden Luft mit ihrem hohen Ozongehalt.

Unterstützung von Prinzregent Luitpold
Dass Adolf Hohe auf alte Verbindungen aus seiner Zeit beim bayerischen Militär zurückgreifen konnte, erwies sich für den jungen Verein als äußerst hilfreich. So konnte man für das Amt des Ersten Vereinsvorsitzenden den Generalstabsarzt der bayerischen Armee gewinnen, Dr. Anton Ritter von Vogl. Stellvertreter wurde Reichsrat Freiherr Theodor von Cramer-Klett, einer der damals reichsten Industriellen Bayerns. Innerhalb kurzer Zeit gelang dem Verein ein großer Aufschwung. Entscheidend dazu beigetragen hat, dass Prinzregent Luitpold die damals Protektorat genannte Schirmherrschaft für den Verein übernahm. Etliche weitere Mitglieder des bayerischen Herrscherhauses nahmen Ehrenmitgliedschaften an.

Die Vereinsführung hatte schon früh eine enge Auswahl möglicher Standorte definiert. Im Jahr 1900 entschied sie sich für den Platz am Südhang des Haussteins. Dem war eine ausgiebige Standortanalyse vorangegangen. Die Auswahl-Kommission stand unter der Leitung des Hygienepapstes Dr. Max von Pettenkofer. Im Juli 1900 kaufte der Verein die ersten benötigten Grundstücke – und stand schon vor einer neuen Herausforderung: der Erschließung des Bauplatzes. Die Lösung war der Bau einer neuen Straße, die von Deggendorf in Richtung Lalling führte. Von dort aus wurde eine Zufahrtsstraße zum auserkorenen Sanatoriumsstandort geführt.

Schon damals stand das Gesundheitswesen vor ähnlichen Herausforderungen wie heute: der Frage, wie man gute Versorgung finanziert. Der Verein mühte sich stets, durch Wohltätigkeitsveranstaltungen die Vereinskasse aufzubessern. Größtes Ereignis war das im November 1903 in München durchgeführte Reiter- und Zirkusfest. Dass mehrere Mitglieder des bayerischen Herrscherhauses aktiv daran teilnahmen, sicherte hier den Erfolg. Planer des Sanatoriums war der Münchner Baubeamte Hans Grässel. Am 7. Oktober 1905 fand die offizielle Grundsteinlegung statt. Nach gut zwei Jahren Bauzeit, am 1. Juni 1908, nahm das Sanatorium mit 77 Betten den Betrieb auf.

Wenige Tage später, am 14. Juni 1908, wurde es in Gegenwart von Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern offiziell und feierlich eröffnet. Dr. Adolf Hohe, der nach aller geleisteten Vorarbeit mittlerweile als erster Chefarzt die Klinik leitete, wurde für seine Verdienste bei der Einweihung zum Hofrat ernannt. Die für die Klinik erfundene neue Ortsbezeichnung „Sanatorium am Hausstein“ wurde am 28. September 1908 offiziell genehmigt. Das Sanatorium war von Anfang an beliebt und gut ausgelastet. Dennoch kam es bald zu Differenzen zwischen Chefarzt, Personal und Vereinsführung. 1912 trat Adolf Hohe, der geistige Vater der Klinik, als Chefarzt zurück. Wenig später erklärte er seinen Rückzug aus der Vereinsleitung. Neuer Chefarzt wurde der bisherige Assistenzarzt Dr. Niedermeier.

Grundsteinlegung Sanatorium, Pressebericht

Historischer Text zur Grundsteinlegung des Sanatoriums

Von Krieg und Revolution gezeichnet
Der Kriegsausbruch im August 1914 führt zur Panik. Innerhalb weniger Tage verließ ein Großteil der Patienten fluchtartig das Sanatorium. Auch die Zahl der Vereinsmitglieder sank während des Ersten Weltkrieges stark. Im Krieg wurde das Sanatorium dem Lazarett Deggendorf angegliedert, mehrere Betten standen für verwundete Offiziere zur Verfügung.

Die Revolution von 1918 bewegte auch das Sanatorium Hausstein. Ähnlich wie in vielen Teilen Bayerns kam es zu Problemen mit dem Personal, weil sich die Bediensteten gewerkschaftlich organisierten und Gehaltsforderungen stellten. Auch die wirtschaftlichen Krisen der Zeit wirkten sich aufs Sanatorium aus. Dank großzügiger Spenden aus den USA und staatlicher Zuschüsse konnte der Betrieb weitergehen.

Ende 1921 gab sich der Förderverein einen neuen Namen: Sanatorium am Hausstein für Lungenkranke aus dem Mittelstande, München“. Mit der Wahl von Dr. Carl Schindler zum neuen Vorsitzenden begann im Juni 1922 ein neues Kapitel. Schindler verfügte als Direktor des Nymphenburger Krankenhauses in München über viel Fachwissen und ausgezeichnete Kontakte. Da der Patientenandrang immer größer wurde, entschloss sich die Vereinsführung zum Anbau von zwei neuen Gebäudeflügeln im Osten und Westen. Damit stieg die Bettenzahl auf 140. Weil es finanziell eng war, wurden die Bauarbeiten auf den Zeitraum 1925 bis 1928 ausgedehnt.

Zum Sanatorium gehörte ein Hofgut, das Milch und andere frische Lebensmittel lieferte. Diese „Oekonomie“ lag einen Kilometer südlich in Ensmannsberg. 1931 erhielt sie ihren heutigen Namen „Düllhof“, benannt zu Ehren des damaligen Leiters Christoph Düll anlässlich seines 80. Geburtstags. Düll hatte den Posten als Aufgabe für seinen Lebensabend übernommen, nachdem er in den Ruhestand gegangen war – zuvor war er technischer Leiter der Münchner Löwenbrauerei.

Die Machtergreifung durch die NSDAP war auch im abgelegenen Sanatorium zu spüren. Der Deggendorfer Parteileiter erklärte im April 1933 die Vereinsvorstandschaft für abgesetzt. Ein neu eingesetzter Kommissär sollte die Leitung des Sanatoriums übernehmen. Hartnäckiger Widerstand von Dr. Carl Schindler und seinen Kontakten bewirkte, dass alle diesbezüglichen Anordnungen zurückgenommen wurden. Doch bei Veranstaltungen im Sanatorium mit Künstlern aus München wurden die üblichen Lobreden auf Führer und Vaterland gehalten, und das Sanatoriumsgebäude wurde mit einem großen Hakenkreuz versehen.

 

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Lungenkranke Patienten in einem der Liegehäuschen in Wald des Hausstein nahe dem Sanatorium

 

Die Stadt München übernimmt
Im Mai 1937 kamen hohe Funktionsträger an den Hausstein: der Münchner Oberbürgermeister Karl Fiehler sowie der Reichsschatzmeister der NSDAP, Franz Xaver Schwarz. Sie stellten Weichen. Denn dem Verein fiel es immer schwerer, mit Ehrenamtlichen die Vereinsarbeit zu erledigen. Die Mitgliederzahl war mit rund 500 so niedrig wie nie. Und so stimmte die Mitgliederversammlung am 27. Juni 1939 der Errichtung einer neuen Stiftung zu. Die „Stiftung Sanatorium am Hausstein“ stand unter Verwaltung der Stadt München, ihr wurde das Vereinsvermögen übertragen. Der Verein beschloss seine Auflösung. Am 1. April 1940 übernahm die Stadt München das Sanatorium.

Das Ende des zweiten Weltkrieges brachte neuen Wandel. Chefarzt Dr. Peter Sedlmeyr wurde entlassen, er hatte der NSDAP angehört. Auf Anordnung der amerikanischen Besatzungsmacht stellt man zusätzliche Betten auf für Patienten, die von der Militärregierung persönlich eingewiesen wurden – Schwerkranke, die aus Konzentrationslagern befreit worden waren.

Durch die Währungsreform 1948 schrumpfte das Kapitalvermögen der Stiftung zusammen: Aus 1,5 Millionen Reichsmark wurden 70.000 Deutsche Mark. Trotzdem wurde im Juni 1955 das 50-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung mit einem großen Fest gefeiert.

 

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Historische Postkarte

Das Ende des Lungensanatoriums
Um 1970 ging die Patientenzahl am Hausstein stark zurück, der Betrieb des Lungensanatoriums wurde zusehends unwirtschaftlich. Immer höhere Summen musste die Landeshauptstadt zuschießen. Erste Gerüchte über eine Auflösung des Sanatoriums und den Verkauf der Gebäude kamen 1973 auf. Kurz darauf war der Landkreis Deggendorf als Käufer im Gespräch, doch die Verhandlungen scheiterten. Auch eine Belegung des Sanatoriums mit Patienten aus dem Bezirkskrankenhaus Mainkofen erwies sich als nicht machbar. Am 31. März 1975 wurde das Lungensanatorium geschlossen. Dem Personal wurde gekündigt. Auch die Vinzentiner-Ordensschwestern, die seit 1913 für Bewirtschaftung und Krankenpflege zuständig gewesen waren, kehrten in ihr Mutterhaus nach München zurück.

Für den leer stehenden Gebäudekomplex begannen bewegte Zeiten. Im August 1977 berichtete die Regionalpresse, das ehemalige Sanatorium könnte als Quartier für 300 bis 500 Asylsuchende genutzt werden. Dies führte bei der Bevölkerung des Lallinger Winkels rasch zu Widerstand. Die Gemeinden wandten sich in einer Resolution vehement gegen ein Ausländerlager. Sogar eine Aktionsgemeinschaft „Gegen Asyldurchgangslager Hausstein“ wurde gegründet. Die massiven Einwände führten zum Einlenken bei den politisch Verantwortlichen und zum Aus für das Projekt „Ausländerlager Hausstein“. Als Hausstein Anfang 1978 erneut als Zentrallager für Asylsuchende ins Gespräch geriet, verhinderte der Landkreis konkrete Planungen.

Zwischen Asylanten, Buddhisten, Spekulanten und Sterbehelfern
Anfang 1980 fand die Landeshauptstadt einen Käufer für das Sanatoriums-Areal: einen Immobilienmakler aus Vilshofen. Er kündigte an, die Gebäude in einem Bauherrenmodell zu einem Hotel und Appartements umzubauen – doch dies wurde nicht umgesetzt. Schon ein Jahr später geriet Hausstein erneut in die Schlagzeilen. Ein buddhistischer Verein aus München verteilte Flugblätter im Münchner Raum. Darauf werde verbreitet, dass der Verein das ehemalige Sanatorium im Bayerischen Wald zum Buddha-Zentrum machen wolle. Tatsächlich hat es Verhandlungen gegeben. Lokale Politiker haben auch dieses Vorhaben verhindert.

Die Häuser verfielen und zogen immer mehr ungebetene Gäste an. Mitte 1981 siedelte sich auf dem Areal ganz offiziell eine alternativ eingestellte Gruppe von Korbflechtern aus Lichtenfels an. Am Jahresende stand das Sanatorium zum Verkauf. Zeitgleich kursierte ein neues Gerücht: Im ehemaligen Sanatoriumsgebäude könnte eine Hackethal-Klinik entstehen – benannt nach dem umstrittenen Arzt Dr. Julius Hackethal, der sich für Sterbehilfe und alternative Krebsbehandlungsmethoden einsetzte. Auch hieraus wurde nichts.

Im März 1982 begann die Zeit des Glücksritters Josef Czikowsky. Er war der Kopf einer firmenrechtlich verschachtelten Bauträgergesellschaft aus dem Großraum München. Anfangs wollte er aus dem Sanatorium ein Gesundheitszentrum mit großem Restaurant machen, schwenkte kurze Zeit später um und plante eine Privatklinik für Psychosomatik. Das neue Konzept kam einer Verdoppelung des ehemaligen Sanatoriums gleich. Dazu zählte neben einer ganzen Reihe neuer Gebäude auch der Bau einer neuen Zufahrt: Bis dahin wurde das Sanatorium von Westen angefahren, seither kommt man von der östlich liegenden Kreisstraße. Nachdem bereits rund 85 Millionen Euro verbaut waren, endete das Projekt Mitte 1984 in einem spektakulären Konkurs. Im Lauf der Ermittlungen kam ans Tageslicht, dass sich dahinter ein spektakulärer Fall bundesdeutscher Wirtschaftskriminalität verbarg.

Das war noch nicht alles. Ein durch Kurzschluss verursachter Brand richtete am 17. Januar 1985 einen Schaden von rund einer halben Million Mark an. Am 22. April 1986 wurde das gesamte Objekt versteigert. Käufer war eine Grundstücksgesellschaft. Von Ihr erwarb Anfang November 1987 der Unternehmer Rudolf Presl das ehemalige Sanatoriums-Areal. Er investierte etwa 25 Millionen Mark und eröffnete Mitte Februar 1988 die „Bavaria Klinik“, eine Fachklinik für Rehabilitation.

Asklepios übernimmt Klinik aus dem Konkurs
Über zehn Jahre war diese Privatklinik erfolgreich. Im Jahre 1996 wurden erste Pläne für Neubauten entwickelt, in mehreren Bauabschnitten sollte die Bettenzahl um fast 500 steigen. Doch dazu kam es nie. Die Gesundheitsreform führte zu stark sinkenden Belegungszahlen. In der Folge musste der Betreiber zahlreiche Mitarbeiter entlassen und Mitte Juli 1998 einen Vergleichsantrag stellen. Darauf folgte im Oktober des gleichen Jahres der Konkurs. Im April 1999 übernahm die Asklepios-Gruppe die Trägerschaft für das Reha-Zentrum und führt es seither unter dem Namen „Asklepios Klinik Schaufling“ weiter. Erfolg stellte sich rasch ein: Bereits nach zwei Jahren wurde der zehntausendste Patient begrüßt. Zu Neurologie und Orthopädie sind mittlerweile zwei weitere Hauptabteilungen dazugekommen: Geriatrie und Kardiologie. Einst stammte ein großer Teil der Patienten aus München. Heute kommen Menschen aus ganz Europa nach Schaufling, um von diesem breiten Spektrum an Fachwissen zu profitieren.

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Historische Aufnahme des „Sanatorium am Hausstein“